Die Krux mit der Strafe

Nach getaner Arbeit steht das Pferd angebunden am Putzplatz und wartet auf die Futterschüssel, die jedes Mal nach dem Training kommt.
Wie jedes Mal dauert es ihm einfach viel zu lange und es fängt an zu scharren.
Der Futterschüssellieferant wird sauer. “Ich beeil mich doch eh, was ist dein Problem?”, schreit er seinem Pferd zu. Beim letzten Mal flog sogar eine Bürste in Richtung des Pferdes, hat wohl nicht geholfen.
“Na gut, dann kommt die Futterschüssel halt heute gaaaanz besonders langsam”.

Kommt dir die Situation bekannt vor? Aus deiner eigenen Erfahrung oder von dem, was du bei anderen beobachtet hast?


In der Theorie

In der operanten Konditionierung spricht man von “positiver Strafe”, wenn ein aversiver Reiz (ein Klaps, ein Schrei, eine fliegende Bürste) genutzt wird, damit das Verhalten in Zukunft seltener auftritt.

“Negative Strafe” hingegen ist das Wegnehmen eines appetetiven Reizes (Futter), also wenn der Mensch die Futterschüssel dann entweder gar nicht oder besonders langsam überbringt.


In der Praxis

Strafe hat also laut Definition das Ziel, dass ein Verhalten in Zukunft seltener auftritt.
Wie man im Beispiel schon erkannt hat, hat das aber nicht funktioniert. Jedes Mal scharrt das Pferd, obwohl man doch will, dass es geduldig wartet.

Und hier ist schon ein Problem der Strafe: man sagt dem Pferd zwar, was man nicht will (Scharren), aber deswegen weiss das Pferd noch lange nicht, was es tun soll (geduldig warten).

In meinen Augen ist das Ziel also nicht herauszufinden, welche Art von Strafe man am besten anwendet, sondern welches Verhalten man stattdessen gerne aufbauen möchte.
So kann man mit Clickertraining z.B. ein stationäres Target wie eine Matte etablieren, das geduldige Warten bei diesem Target dann positiv verstärken.

Ein weiteres Problem der Strafe ist auch das Timing. Oft ist es so, dass, wie im Beispiel, ein unerwünschtes Verhalten auftritt. Dann wenden wir uns dem Problem zu und meistens wird das Verhalten schon in dem Moment eingestellt (das Pferd hat die Aufmerksamkeit des Menschen und scharrt vielleicht schon gar nicht mehr).
Wenn das Pferd jetzt bestraft wird, weiss es gar nicht, dass es für das Verhalten war, das es ja inzwischen schon beendet hat.

Timing und Intensität der Strafe sind also essenziell. Ich persönlich kann nicht garantieren, dass ich zur rechten Zeit in der passenden Intensität strafe, also lasse ich es lieber, um mein Pferd nicht unnötig zu strafen.

Ich suche lieber nach der Ursache für das unerwünschte Verhalten und versuche es schon im Keim zu lösen.

  • Das Pferd schnappt beim Satteln nach dem Sattel oder gar dem Menschen? Dann lasse ich den Sattel überprüfen.
  • Es möchte beim Spazierengehen nicht weitergehen? Ich kontrolliere die Hufe, checke die Situation und gehe gegebenfalls einen anderen Weg. Wenn das Pferd Angst hat alleine von der Herde wegzugehen, frage ich beim nächsten Mal, ob uns jemand begleiten möchte.
  • Beim Hufeauskratzen zieht es den Huf immer wieder weg? Ich trainieren das Stehen auf instabilen Untergründen, trainiere Balance und fördere Propriozeption. Vielleicht hilft es dem Pferd ein Kooperationssignal zu vereinbaren.

Wenn es dann dennoch auftritt, versuche ich Alternativverhalten zu trainieren.


4 Gedanken zu „Die Krux mit der Strafe

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