Pferd-Mensch-Beziehung – muss jemand Führer sein?

Wie oft liest und hört man von Pferden, die “frech”, “aufmüpfig” oder gar gefährlich sind. Und wie oft liest man dann den Rat “du musst deinem Pferd nur zeigen, wer der Boss ist”.
Im selben Atemzug werden Menschen, die “ihren Pferden alles durchgehen” lassen als schwach, verklärt und gar selbst in großer Gefahr dargestellt.

Aber – ist das wirklich so? Und wie kann eine Pferd-Mensch-Beziehung sonst gestaltet werden?

Pferd-Mensch-Beziehung auf Augenhöhe
Kommunikation “auf Augenhöhe”

Der Mythos vom “Leittier”

Gerne wird zitiert, dass Herden in der Wildnis ja auch eine Leitstute und einen Leithengst haben und daraus geschlussfolgert, dass wir für unsere Pferde auch Leittiere sein müssen.

Diese Argumentation hat schon einige logische Fehler:

  • wir sind nicht in der Wildnis
  • wir sind keine Pferde (und Pferde wissen das auch ganz genau)
  • wilde Herden haben nicht “die eine” Leitstute und schon gar nicht “den einen Leithengst” (große Zusammenschlüsse von Familien haben oft einen Leit-/Althengst) [Marc Lubetzki]
  • wir können nicht kommunizieren wie ein Pferd (keine beweglichen Ohren, kein Schweif, Augen frontal am Kopf)
  • welches Leittier würde seine Herde 23 Stunden am Tag allein lassen

Hinterfragen des Verhaltens

Jedes Verhalten des Pferdes ist Ausdruck seines Befindens, seiner Wünsche und seiner Bedürfnisse. Kommt das Pferd zu uns, sucht es Nähe und möchte in Kommunikation treten. Geht es, braucht es vielleicht Ruhe. Stupst es uns an, möchte es vielleicht Aufmerksamkeit oder ist mit etwas unzufrieden.

Krauleinheiten stärken die Pferd-Mensch-Beziehung

Die Pferde unserer Herde drehen einem auch mal den Hintern zu. “Oh Gott” möchte man denken, “die treten und schlagen aus”.
Mitnichten – sie haben gelernt, dass sie den Menschen zeigen können, wo sie gekrault werden wollen.
Wenn sie einem den Hintern zu drehen ist das ihre vertrauensvolle Fragen nach einer Krauleinheit.

“Der sucht an mir rum und nibbelt mit seiner Lippe. Morgen zwickt er und dann beißt er mich. Lieber kriegt er gleich einen Klaps.”

Pferde können nicht sprechen und nutzen ihr Verhalten, um zu kommunizieren. Wenn ein Pferd ein Verhalten zeigt, dann, weil es in der Vergangenheit eine bestimmte Konsequenz hatte (Hintern zudrehen = gekrault werden). Oder weil es versucht, uns etwas mitzuteilen (Schweifschlagen, ggf. sogar Beißen beim Sattelgurt anziehen = Zeichen von Schmerzen, vielleicht sogar ein Magengeschwür).

Je besser wir unseren Pferden zuhören, desto eher erkennen wir, was es uns sagen möchte. So muss es nicht erst “laut” werden, bevor wir verstehen, was es meint.


In unserer Anfangszeit hat sich Ský beim Spazierengehen losgerissen, ist wild um mich herum galoppiert, um dann in Ruhe zurück zu kommen und zu grasen.
Wäre ich aufmerksam gewesen, hätte ich schon während ich ihn von der Koppel holte gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Hätte ich beim Putzen und Aufhalftern schon gemerkt, dass er unruhig ist, hätte ich diese – nicht ungefährliche – Situationen vermeiden können.


“Wenn ich ihm das durchgehen lassen, macht er bald, was er will.” ebenso wie “Der verarscht dich, setz dich ein mal durch.” dichten dem Pferd kognitve Leistungen an, die es einfach nicht leisten kann. Kein Pferd ist darauf aus, seinen Menschen auszunutzen, ihn zu “verarschen” oder ihm Böses zu wollen. Sie leben im Hier und Jetzt, reagieren auf unser Verhalten und möchten mit uns kommunizieren.

Jedes Verhalten des Pferdes hat einen Grund.

Manche Pferde haben schlechte Erfahrungen gemacht und wissen, dass ein gewisses Verhalten von ihnen zu gewissen Konsequenzen führt. Sie vertrauen im Gegenzug aber vielleicht nicht auf unser konsistentes Verhalten und schätzen uns nicht richtig ein.
Dann ist es wichtig, dass wir uns als verlässlicher, konsistenter Gesprächspartner beweisen.

Futterlob tut der Pferd-Mensch-Beziehung keinen Abbruch
Die Arbeit mit Futterlob birgt bei konsistenter Ausführung keine Gefahr für Mensch oder Pferd.

Aus eigener Erfahrung

Von außen betrachtet mag ich vielleicht so ein verklärter, schwacher Pferdemensch sein, wie er in der Reiterwelt beschrieben wird. Ich kraule mein Pferd immer und ständig, es bekommt (während des Clickertrainings) Futterlob. Er darf beim Spazierengehen den Weg bestimmen und ich reite ihn nur mit seinem Einverständnis.

Da schlagen viele der Pferdemenschen jetzt vielleicht die Hände über dem Kopf zusammen und warnen mich vor all den Gefahren, die mein Verhalten birgt.
Ich möchte aber entwarnen – die Pferde in unserem Stall sind alle äußerst umgänglich und höflich. Sie sind anständig im Straßenverkehr und mit anderen Pferden. Tierärzte und Hufpfleger loben ihre Bereitschaft zur Mitarbeit, ihren Mut und ihre Freundlichkeit.

Wichtig ist, dass wir zuhören, empathisch sind, dabei konsistent handeln und unsere Beziehung als das sehen, was sie ist – ein Austausch zwischen zwei Individuen zweier verschiedener Spezies, die lernen müssen einander zu verstehen und zusammen zu arbeiten.

Jede Pferd-Mensch-Beziehung ist individuell und das ist auch gut so. Ihr beide dürft euer Zusammensein gestalten, abseits jeglicher Platitüden wie “du musst ihm/ihr zeigen, wer der Boss ist”. Ihr könnt in jeder Situation neu entscheiden, in welche Art von Kommunikation ihr treten wollt.

Weitere Quellen


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