Das “frei” in Freiarbeit

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was das “frei” in Freiarbeit wirklich bedeutet?

Ist ein Pferd wirklich frei, sobald das Seil abgemacht ist?

Kann ein Pferd frei sein, auch wenn es am Halfter ist?

Kann ein Pferd frei sein, obwohl es irgendeine Form der Ausrüstung trägt?

Was bedeutet “frei”?

Ein Blick in den Duden liefert unter anderem folgende Definitionen für “frei”:

  • sich in Freiheit befindend
  • unabhängig
  • nicht beeinträchtigt
  • durch bestimmte Dinge nicht beeinträchtigt oder gehemmt

Wird das Pferd zwar ohne Ausrüstung, also “frei” im Roundpen bewegt, dabei vom Menschen in seiner Geschwindigkeit, Richtung usw. eingeschränkt, so ist es also nicht wirklich frei.

Hat das Pferd in seiner Trainingshistorie gelernt, dass es seine Meinung nicht äußern darf, sondern folgsam und gehorsam sein muss, um seine Ruhe zu haben, dann ist es weder unabhängig noch frei, seine Meinung ehrlich zu äußern.

Hat das Pferd gelernt, dass es eine Übung nicht verweigern darf, wird der Mensch nie wissen, ob es die Übung aus freien Stücken (unbeeinträchtigt) ausführt – auch, wenn es dabei frei von Halfter oder Trense ist.

Freie Wahl

Für mich ist Freiheit definiert durch “freie Wahl” und Abwesenheit von Druck. Das Gegenteil von Freiheit ist Kontrolle.

Erst, wenn wir unserem Pferd erlauben, eine Anfrage zu verweigern, wenn wir seine ehrliche Antwort hören und respektieren(*), erst dann ist es wirklich frei.

Das Pferd kann wählen, ob es dem Menschen folgt oder nicht. Es kann wählen, ob es eine bestimme Übung ausführt oder nicht. Das Pferd kann wählen, ob und wie lange der Mensch auf seinem Rücken sitzt.

Die positive Verstärkung war für mich der Schlüssel zu dieser authentischen, gleichberechtigten Kommunikation.

Mit dem Clicker und einer Handvoll (niedrigwertiger) Leckerlis kann der Mensch das Pferd zu nichts zwingen – vor allem, wenn eine alternative Futterquelle vorhanden ist.

Wenn Ský auf der grünen Koppel steht und ich mit der Tasche voller Heucobs ankomme und frage, ob er mit mir arbeiten möchte, kann er sich jederzeit – ohne Nachteil für ihn – für das Gras entscheiden.

Und doch entscheidet er sich an den meisten Tagen für ein gemeinsames Spiel.

Ist ihm eine Übung zu langweilig, zu schwierig oder passt gerade nicht in seinen Tag, kann er Gegenvorschläge bringen oder wieder zum Gras zurückkehren.

So bekomme ich ehrliches Feedback, ob er sich mit mir beschäftigen möchte oder nicht.

Wir definieren das “frei” in Freiarbeit

Bestimmt ist diese Art der Kommunikation und der gleichberechtigten Freiarbeit auch mit negativer Verstärkung möglich (ja, ich kenne Trainer, die das schaffen), doch das bedarf eines besonderen Einfühlungsvermögens des Menschen und eines selbstbewussten Pferdes.

Das “Frei” in Freiarbeit ist meiner Meinung nach also nicht abhängig von Ausrüstung oder Trainingsweise, sondern davon, ob Mensch und Pferd dabei gleichberechtigte Partner sind und das Pferd seine Meinung ohne Angst vor Konsequenzen äußern darf.


(*) Dies ist vor allem in der Anfangszeit wichtig, wenn das Pferd lernt, dass es seine Meinung sagen darf und wir wirklich seine Antwort hören wollen. Später ist es natürlich nicht verwerflich, Kompromisse einzugehen. Und auch die Sicherheit aller Beteiligten ist stets höchste Priorität und darf im Ernstfall die Meinung des Pferdes überstimmen.


Mehr Gedankenanstöße und Inspirationen zu diesem und ähnlichen Themen findest du in meinem Arbeitsbuch:

Ein Gedanke zu „Das “frei” in Freiarbeit

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