Bewegungspuzzles im intrinzen-inspirierten Training

In diesem Artikel möchte ich auf den Term “movement puzzle”, zu deutsch Bewegungspuzzle eingehen. 

Wenn man sich etwas durch den Hashtag #intrinzen klickt, sich näher mit dem Thema intrinzen-inspiriertes Training beschäftigt, kommt man schnell auf den Begriff “movement puzzle”.
Um besser zu verstehen, was ein “movement puzzle” ist und warum es genutzt wird, möchte ich zunächst erklären, was funktionelle Bewegungen sind und wie sie erlernt werden, um es anschließend mit dem “correct response puzzle” vergleichen.

Dabei möchte ich ganz deutlich betonen, dass es mir hier nicht darum geht, einen Ansatz als korrekt und einen als falsch darzustellen. Beide Arten, Bewegungen zu erlernen, haben ihre Daseinsberechtigung.
Ich persönlich habe in meinem Bewegungstraining bei Pferden “movement puzzles” sehr zu schätzen gelernt und setze sie gerne ein. Ich sehe, dass damit nachhaltige Erfolge erzielt werden können. Da diese Herangehensweise aber nicht sehr bekannt ist, möchte ich gerne mein Wissen dazu und meine Erfahrungen damit niederschreiben.

Im Folgenden beziehe ich mich also ausschließlich auf das Bewegungstraining. Es geht nicht um das tägliche Handling, sondern rein um das Training von Bewegungen.

Funktionelle Bewegungen

Wenn wir mit unseren Pferden trainieren und sie vielleicht auf das Reiten vorbereiten, soll dieses sogenannte Bewegungskompetenz erlangen. Als Bewegungskompetenzen werden also motorische Fähigkeiten bezeichnet, die vom Pferd neu erlernt und trainiert werden. Es geht hier um die Bewegungsmuster, die das Gehirn des Pferdes als Bewegungsablauf abspeichern soll. Funktionell sind die Bewegungen dann, wenn sie den Pferdekörper ganzheitlich ansprechen und für sein Training und seinen Alltag nützlich sind.

Nehmen wir z.B. das im Reittraining so wichtige Untertreten des Hinterbeins. Um ausbalanciert unter dem Reiter gehen zu können und dabei kraftvoll die Hinterhand nutzen zu können, soll das Hinterbein unter den Schwerpunkt treten, Last aufnehmen und sich dann kraftvoll abdrücken. Dabei soll der Rumpf des Pferdes stabil bleiben, das Gewicht des Körpers und das Gewicht des Reiters im Gleichgewicht halten. So bleibt die Vorhand frei, die Schulter kann ihr volles Bewegungsausmaß entfalten und der Hals des Pferdes bleibt beweglich.

Das Untertreten des Hinterbeins ist eine funktionelle Bewegung. Diese Fähigkeit ist oft ein wichtiges Trainingsziel vom Boden und aus dem Sattel.

Movement Competency vs. Movement Capacity

Im ersten Schritt wird also eine funktionelle Bewegung erlernt. Ist diese Bewegung erlernt, kann sie trainiert werden, sodass sie länger, öfter oder mit mehr Last ausgeführt werden kann. Das Pferd hat die Bewegungskompetenz erlangt und kann nun die Kapazität trainieren.

Die Phasen motorischen Lernens.

D.h. Bewegungskompetenz bezeichnet die Kenntnis und das Können eine Bewegung auszuführen. Sie beginnt mit dem motorischen Lernen, das in verschiedenen Phasen abläuft. Vom ersten Versuch einer Bewegung bis hin zum Meistern dieser Bewegung kann alles als großer Lernvorgang betrachtet werden.

Hat das Pferd diese Bewegung in seiner Funktionalität gemeistert (autonome Phase), kann deren Kapazität trainiert werden. D.h. in erster Linie, dass diese Bewegung öfter hintereinander ausgeführt wird, ohne an Qualität zu verlieren. So werden die Muskeln gekräftigt, deren Gegenspieler werden elastischer und können die Bewegung besser zulassen. Der Körper wird also darauf optimiert, diese Bewegung auszuführen.
(Natürlich können auch hierbei “movement puzzles” eingesetzt werden).

Ebenso kann die Bewegung unter Last ausgeführt werden. D.h. entsprechend der Kapazität der Muskeln wird der Schwierigkeitsgrad dadurch erhöht, dass mehr Gewicht bewegt und ausbalanciert werden muss. Wichtig ist dabei, dass die Qualität der Bewegung nicht so weit verloren geht, dass sie ungesund und schädlich für den Bewegungsapparat wird.

Insofern geht es bei der Frage “movement puzzle vs. correct response puzzle” in erster Linie um das motorische Lernen und weniger um das Training der Bewegungskapazität.

correct response puzzle

Traditionell erfolgt das Erlernen neuer motorischer Fähigkeiten im Pferdetraining als “correct response puzzle”.

(Anja Rut von Reitkunst Islandpferde mit ihrem Glæðir)

D.h. der Reiter und/oder Trainer weiss genau, welches Ziel er verfolgt und trainiert gezielt auf dieses Ziel hin.
So kann es sein, dass der Trainer vom Boden aus das Pferd durch seine Körpersprache und die Gerte in den Seitengängen auffordert, mit dem Hinterbein mehr Last aufzunehmen. Reagiert das Pferd entsprechend, werden die Hilfen ausgelassen und das Verhalten so verstärkt.

Das Gehirn soll den Bewegungsablauf des Untertretens abspeichern und später auch in anderen Situationen (an der Longe, unter dem Reiter) zeigen können. Dazu werden die Hilfe in der selben oder einer etwas abgewandelten Form in anderen Situationen eingesetzt.

Das Training soll dabei recht kleinschrittig aufgebaut werden, sodass das Pferd versteht, was von ihm verlangt wird. Der Trainer kontrolliert und korrigiert dabei ggf. so lange, bis die Bewegung zu seiner Zufriedenheit ausgeführt wird.

Dieses Vorgehen wird auch als Shaping bezeichnet, d.h. der Trainer formt die Bewegung, bzw. der Trainer formt das Pferd. Richtig ausgeführt ist es sehr klar für das Pferd, was erwartet wird, was ihm Ruhe und Konstanz vermittelt.

movement puzzle

Im Gegensatz zum “correct response puzzle” arbeite ich im intrinzen-inspirierten Training mit “movement puzzles”, also Bewegungspuzzles. Ein “movement puzzle” wird folgendermaßen aufgebaut. 

Aufbau eines “movement puzzles”

Natürlich muss der Trainer auch hier wissen, was sein Ziel ist.
Dementsprechend wird die Umwelt also die Trainingsumgebung so gestaltet, dass die Bewegung natürlicherweise auftritt oder “herausgekitzelt” wird.
So können Utensilien wie Stangen, Hütchen, Matten, Dualgassen, uvm. genutzt werden, um ein tatsächliches “Puzzle” aufzubauen. Oder man nutzt die natürlichen Gegebenheiten wie Hänge, Hügel, verschiedene Böden, Waldwege voller Wurzeln, etc.

Dann stellt man dem Pferd eine Aufgabe, die es in dieser Umgebung ausführen soll.
Wie genau das Pferd diese Aufgabe ausführt, ist ihm selbst überlassen. Der Trainer gibt also vor WAS das Pferd WO machen soll, aber nicht WIE es das machen soll.

Die Kunst ist es, die Umwelt und Aufgabe so zu gestalten, dass das Pferd die gewünschte Lösung selbst findet. Dabei ist es nicht schlimm, bzw. sogar gewünscht, dass es selbst ausprobiert, herumexperimentiert und Bewegungen testet.

Der Trainer kontrolliert zwar, korrigiert aber nicht das Pferd. Er korrigiert höchstens nochmal die Umwelt oder die Aufgabe.

So kann das Gehirn selbst planen und ausführen, welche Bewegungen es für sicher und zielführend hält. Bei Intrinzen spricht man hier davon, dass das Gehirn die Bewegung “besitzt” (owning the movement). Es eignet sich die Bewegung an, macht sie sich zu eigen. 

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What “problem” does the horse try to solve? We believe the answer to this is a huge key and often changes *everything*. — It comes down to this: — Is the horse solving a MOVEMENT puzzle or a CORRECT RESPONSE puzzle? — These are not the same. Though it might feel that way, but to his nervous system, the difference is drastic. — So much traditional training is about the horse “learning” the “behavior” we want (and don’t want). — Based on “what is it I’m supposed to do to get the release?” Or “what is I’m supposed to do to get the treat?” — Movement science tells a completely different story. — And just one part is the power of *intent*. The horse/athlete intent. — If their intention is to figure out *what we want*, with no goal their movement system understands, they WILL “learn” the behavior. But at best, it’s arbitrary. It is often a fragile behavior unless heavily repeated and perfectly cued. — But if the horse is trying to solve a *movement* puzzle (even though he ultimately WILL earn a treat), it puts his nervous system to work on an authentic solution. We tell him the WHAT, but he is left to figure out the HOW. In many ways, it’s often a “how to not fall over” puzzle. Brains care about THAT a lot. — If I want the horse to be more adaptable, I’m NOT going to train it as a “what does the human want me to do?” I’m not going to directly teach it by shaping his head up. If the horse elevates to solve “what does the trainer want?”, he does not own it, and the coordination can be entirely different than if his nervous system chose it to maintain balance. — My goal as learning-experience designer is ask, “what movement puzzle can I give the horse for which the movement solution automatically includes more *up*?” — And here we get to it. I give the horse the SAME movement intent: "just do Panther Walk.” But I change the environment to add a “don’t fall” challenge. Downhill? Tiny room? While looking at me? — We let nature do the work 💁‍♀️🌿

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Im nächsten Artikel erzähle ich dir von meinen Erfahrungen mit dem Einsatz von “movement puzzles”.

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